Interview: Lucy Brown, Neurowissenschaftlerin und Trennungsforscherin

Interview: Lucy Brown, Neurowissenschaftlerin und Trennungsforscherin

Liebe und Trennung sind zutiefst persönliche Erfahrungen und gleichzeitig passieren dabei in unserem Gehirn erstaunlich komplexe Prozesse.

Es ist mir eine GROSSE Ehre, darüber mit Lucy Brown zu sprechen. Lucy ist Neurowissenschaftlerin und eine der bekanntesten Forscherinnen auf dem Gebiet der romantischen Liebe und Trennung. Sie beschäftigt sich damit, was Liebe in unserem Gehirn auslöst und was passiert, wenn diese Verbindung abbricht.

Ich freue mich sehr, euch dieses Gespräch zu zeigen, weil Lucy es schafft, etwas, das sich für uns oft chaotisch und überwältigend anfühlt, wissenschaftlich verständlich zu machen. In unserem Interview geht es darum, warum unser Gehirn nach einer Trennung so reagiert, wie es reagiert.

Ein Gespräch, das mir geholfen hat, Trennung nicht nur emotional, sondern auch aus einer ganz neuen Perspektive zu verstehen und ich hoffe, dass es euch genauso geht.

Viel Spass beim Lesen!

Herzlich,

Salome

Salome: Was ist der grösste Mythos über Liebeskummer, den die Wissenschaft widerlegt hat?

Lucy: Dass man Liebe nicht wissenschaftlich untersuchen und dabei etwas herausfinden kann, weil sie einfach zu rätselhaft sei.

Salome: Was überrascht Menschen am meisten, wenn sie erfahren, wie das Gehirn tatsächlich auf eine Trennung reagiert?

Lucy: Dass es sich ähnlich anfühlt wie der Entzug von einer Droge, von der man abhängig ist.

Salome: Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse über Liebeskummer, die Menschen Hoffnung geben können?

Unbewusst, unterhalb der Ebene unseres Bewusstseins, wägt das Gehirn die guten und schlechten Aspekte der Beziehung gegeneinander ab.

Vor allem aber ist der entscheidende Punkt: Die Natur hat uns so gestaltet, dass wir Gefühle dieser Stärke empfinden, um zu versuchen, eine Beziehung und die Sicherheit, die sie uns als Individuen und möglichen Nachkommen bietet, aufrechtzuerhalten. Es ist völlig natürlich und unvermeidbar.

Salome: Wenn jede Frau, die gerade eine Trennung durchmacht, nur eine Sache über ihr Gehirn verstehen könnte, was wäre das und warum?

Lucy: Dass das, was sie fühlt, völlig normal ist und der Art entspricht, wie die Natur unser Gehirn gestaltet hat: Es soll uns dazu bringen, die Gründe für die Trennung genau zu beachten und die Beziehung zu retten, wenn das möglich ist. Denn die Natur hat das Gehirn so entwickelt, dass es die Beziehung zumindest für eine gewisse Zeit über alles andere stellt.

Salome: Warum ist es nach einer Trennung so schwer, klar zu denken oder gute Entscheidungen zu treffen, selbst wenn man vorher emotional stabil war?

Lucy: Das ist eine Vermutung: Die Bereiche des Gehirns, die für das „kognitive“ Denken zuständig sind, werden zugunsten der emotionalen Gehirnaktivität heruntergefahren. Man richtet seine Aufmerksamkeit auf negative Erfahrungen und empfindet deren Schmerz, um sie in Zukunft vermeiden zu können.

Salome: Warum reicht es manchmal schon aus, das Profil des Ex-Partners zu sehen, damit plötzlich alle Gefühle wieder zurückkommen?

Lucy: Ich wünschte, ich wüsste, warum! Es ist fest in uns verankert. Ähnlich wie bei einer Morphin- oder Kokainabhängigkeit ist es ein „Auslöser“, etwa wie die Strassenecke, an der man die Droge gekauft hat.

Salome: Wie lange braucht das Gehirn tatsächlich, um eine Beziehung wirklich „loszulassen“?

Lucy: Das ist von Mensch zu Mensch zu unterschiedlich, um eine genaue Zeitspanne zu nennen. Im Durchschnitt sind es jedoch etwa sechs Monate bis zwei Jahre.

Salome: Es gibt Momente, in denen sich Loslassen fast falsch anfühlt oder so, als würde man gegen den eigenen Verstand ankämpfen. Warum fühlt es sich so an?

Lucy: Eine Beziehung ist zu wertvoll, um sie einfach loszulassen. Sie bietet eine Form von Schutz und Verbundenheit. Deswegen fühlt es sich “falsch” an.

Salome: Wenn du einer Frau, die gerade eine Trennung durchmacht, nur einen einzigen Ratschlag geben könntest, welcher wäre es?

Lucy: Trauere zuerst. Schreib auf, was gut und was schlecht an der Beziehung war. Sprich mit Freunden und einer Therapeutin oder einem Therapeuten darüber. Reise. Treibe Sport. Beginne damit, dein „neues Ich“ zu entdecken.

Weiter
Weiter

Wie aufhören an jemanden zu denken