INTERVIEW mit Michelle, Familien- und Paarberaterin
Ich finde es immer wieder spannend zu hören, was andere Expertinnen und Beraterinnen aus ihrer Arbeit erzählen und lernen. Heute freue ich mich ganz besonders auf Michelle. Sie ist Familien- und Paarberaterin mit eigener Praxis namens Ohana (was das bedeutet, erklärt sie uns im Interview) und selbst Mutter und Ehefrau.
Ihre Leidenschaft und Vision für ihre Arbeit sind für mich ganz deutlich spürbar, umso mehr freue ich mich, dieses Interview mit euch zu teilen. Viel Freude beim Lesen! ✨
Salome: Was hat dich ursprünglich dazu motiviert, Familien- und Paar- und Einzelberatung zu machen?
Michelle: Ich bin als ältestes von vier Kindern aufgewachsen und habe dadurch schon früh viele Facetten des Familienlebens erlebt. Geschwisterstreit, starke Emotionen, Zusammenhalt, Loyalitäten und auch die Frage, welchen Platz man selbst in einer Familie einnimmt. Diese Erfahrungen haben mich geprägt und begleiten mich bis heute in meiner Arbeit. Mein beruflicher Weg begann als Sekundarlehrerin. Seit vielen Jahren unterrichte und begleite ich Kinder und Jugendliche. Dabei habe ich immer wieder gesehen, wie stark das Familienklima das Wohlbefinden von Kindern beeinflusst. Mit der Zeit wurde mir klar, dass wir Kinder oft am besten unterstützen, wenn wir ihre Eltern stärken. Genau deshalb begleite ich heute Familien, Paare und Einzelpersonen dabei, wieder mehr Verbindung und Gelassenheit in ihren Alltag zu bringen. Mir ist wichtig zu zeigen, dass Erziehung nicht perfekt sein muss. Beziehung ist wichtiger als Perfektion.
Salome: Gab es ein persönliches Erlebnis, das deine Entscheidung für diesen Beruf beeinflusst hat?
Michelle: Ja, meine eigenen Kinder. Ich wurde selbst eher klassisch autoritär erzogen und war lange überzeugt, dass das der richtige Weg sei. Doch mein erstes Kind hat mir sehr deutlich gezeigt, dass der Kreislauf aus Schimpfen, Drohen und Strafen für mich nicht mehr stimmig war. Auf der Suche nach anderen Wegen bin ich auf bedürfnisorientierte Erziehung gestossen. Anfangs habe ich sie allerdings falsch verstanden. Ich habe fast nur noch auf die Bedürfnisse - und vor allem Wünsche - meines Kindes geschaut und mich selbst dabei völlig vergessen. Ich wollte alles richtig machen und habe mich selbst oft übergangen. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass auch das nicht funktionieren kann. Heute weiss ich, dass Beziehung nicht bedeutet, sich selbst aufzugeben. Ich darf Nein sagen. Ich darf Grenzen setzen. Und ich kann trotzdem in liebevoller Beziehung zu meinem Kind bleiben. Diese Erkenntnis war für mich sehr befreiend. Sie hat nicht nur meine Beziehung zu meinen Kindern verändert, sondern auch die zu meinem Mann und letztlich zu mir selbst. Sehr geprägt haben mich auf diesem Weg die Gedanken von Jesper Juul, Jan-Uwe Rogge und Nora Imlau. Ihre Haltung zu Gleichwürdigkeit, Verantwortung und Authentizität hat meinen Blick auf Familie stark verändert.
Salome: Was bedeutet für dich persönlich „Ohana“ bzw. Familie?
Michelle: Für mich bedeutet Familie vor allem Verbundenheit und Zugehörigkeit. Der Begriff Ohana aus dem Hawaiianischen hat mich sehr berührt. Er beschreibt Familie nicht nur als Blutsverwandtschaft. Ohana meint auch Menschen, die wir im Laufe unseres Lebens bewusst in unser Herz aufnehmen. Menschen, die füreinander da sind und einander nicht zurücklassen. Diese Bedeutung hat mich so angesprochen, dass ich meine Praxis Ohana genannt habe. Für mich steht dieser Name für genau das, was ich Familien mitgeben möchte. Verbindung, Vertrauen, gegenseitige Unterstützung und das Gefühl, nicht allein zu sein. Familie ist für mich deshalb kein perfektes System, sondern ein lebendiger Ort, an dem Menschen miteinander wachsen.
Salome: Was erfüllt dich an deiner Arbeit am meisten?
Michelle: Mich berührt besonders der Moment, wenn Eltern merken, dass sie nicht perfekt sein müssen. Viele Mütter und Väter stehen heute unter enormem Druck. Sie vergleichen sich, lesen Ratgeber, hören unterschiedliche Meinungen und haben oft das Gefühl, nie genug zu sein. Wenn sie beginnen zu verstehen, dass sie bereits genug sind, entsteht oft eine grosse Erleichterung. Der Druck wird weniger und plötzlich wird wieder mehr Verbindung möglich. Zu sich selbst, zum Partner und zu den Kindern. Diese Momente sind für mich sehr wertvoll.
Salome: Was hast du durch deine Arbeit über Beziehungen gelernt, das dich privat verändert hat?
Michelle: Ich habe gelernt, dass Beziehungen lebendig bleiben, wenn wir bereit sind hinzuschauen. Auch auf uns selbst. Kinder zeigen uns oft sehr ehrlich, wo unsere eigenen Grenzen liegen oder wo alte Muster aus unserer Kindheit auftauchen. Früher hätte mich das vielleicht verunsichert. Heute sehe ich darin eine Chance zu lernen und zu wachsen. Diese Haltung hat meine Beziehung zu meinen Kindern verändert, aber auch meine Ehe und meinen Blick auf mich selbst.
Salome: In meiner Arbeit begleite ich Frauen nach einer Trennung und erlebe oft, dass Mütter aus Schuldgefühlen heraus Grenzen vermeiden oder abschwächen, weil sie ihre Kinder nicht zusätzlich belasten wollen. Wie können Eltern trotzdem gesunde und liebevolle Grenzen setzen, die den Kindern Sicherheit geben?
Michelle: Auch wenn Trennung nicht mein spezieller Arbeitsschwerpunkt ist, sehe ich in meiner Arbeit mit Familien immer wieder, wie wichtig klare und gleichzeitig liebevolle Grenzen für Kinder sind. Gerade wenn sich im Familienleben etwas verändert, brauchen Kinder Orientierung. Grenzen geben ihnen Halt und Sicherheit. Das bedeutet nicht, streng oder hart zu sein. Kinder dürfen traurig, wütend oder überfordert sein. Gleichzeitig dürfen Eltern ruhig und klar bleiben. Zum Beispiel indem sie sagen, dass sie sehen, wie schwer eine Situation für das Kind gerade ist, und dass eine bestimmte Regel trotzdem bestehen bleibt. Kinder brauchen beides. Verbindung und Führung. Wenn Eltern ihre eigenen Grenzen kennen und diese respektvoll vertreten, spüren Kinder diese Klarheit. Und genau diese Klarheit gibt ihnen Sicherheit.
Salome: Was möchtest du Eltern zum Schluss mitgeben?
Michelle: Elternsein ist eine unglaublich anspruchsvolle Aufgabe. Es ist völlig normal, dabei auch mal unsicher oder überfordert zu sein. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen echte Eltern. Menschen, die bereit sind hinzuschauen, Verantwortung zu übernehmen und immer wieder in Beziehung zu gehen. Wenn es Eltern gut geht, miteinander und mit sich selbst, wirkt sich das fast immer auch positiv auf die Kinder aus.
Danke vielmals, liebe Michelle, für deine Zeit und die spannenden Einblicke in deine Arbeit! 😊
Herzlich,
Salome